ERINNERUNG IST WIE EIN FENSTER

06.06.2025 | Nachruf für Herbert Bellert 1. Geschäftsführer des Familienbundes

Am 25. Mai 2025 ist Hubert Bellert verstorben. Im August des Jahres wäre er 86 Jahre alt geworden.
Hubert Bellert war als Vorgänger von mir, Georg Zimmermann, der erste Geschäftsführer des Familienbundes der Katholiken in der Erzdiözese Freiburg. Zugleich war er auch Referent für Familienbildung und -politik im damaligen Familienreferat des Erzbischöflichen Seelsorgeamtes.

Von Mai 1979 bis März 1984 hatte Hubert sich für diese Tätigkeit aus dem Schuldienst beurlauben lassen um seine Energie intensiv in das Engagement für Familien zu stecken.
Als Vater von sieben Kindern und erfahrener Grundschullehrer wusste er auch aus eigener Erfahrung, wo Familien vielfältig der Schuh drückt.
 
Im Oktober 1978 war Hubert vom Diözesanfamilienrat als Diözesanvorsitzender gewählt und gleichzeitig als Referent akzeptiert worden; beides ruhte, bis das Kultusministerium ihn für das Erzbistum bzw. den Familienbund freigab.
Sein Arbeitsplatz war zu Beginn ein leeres Büro mit einem Schreibtisch, einem Stuhl und einem leeren Regal. Da zunächst niemand so recht wusste, was seine Aufgaben sind, wurde er zu „Familien-Veranstaltungen“ und auch zum ZFR (Zentraler Familienrat des Familienbundes, Bundesverband – heute Bundesdelegiertenversammlung) geschickt. Letzterer sollte ihm Orientierung geben und Wege für seine neue Arbeit aufzeigen.
 
Aber böse Überraschung: „Die Versammlung bestand fast ausschließlich aus ehrwürdigen Großvätern und zwei Großmüttern, die am Eröffnungsabend Familien- und Reisebilder austauschten, am anderen Morgen außer ein paar Schlagworten über die hehren Familienideale nichts Wesentliches berieten oder von sich gaben und sich im Übrigen über Geld stritten“ (Huberts Worte).
 
Kein Grund zum Jammern – ganz im Gegenteil: Hubert nutzte die Gelegenheit, Kontakte zu suchen, Verbindungen herzustellen und zu intensivieren sowie Netzwerke zu knüpfen.
 
Zuerst nahm er Kontakt zu vermeintlichen 500 Familienbundmitgliedern auf – ein Flop! Rückmeldungen und Rückläufer dokumentierten das Ableben früherer Mitglieder, andere waren einfach nicht mehr erreichbar. In einer zweiten Runde gab es dann Kontakte zu den Familiengruppen und -kreisen des Familienreferats. Das jeweils mitgeschickte „DINA5-Blättchen“ (Huberts Ausdruck) befasste sich mit dem Anspruch an eine Familienpolitik auf der Basis der Synodenbeschlüsse von Würzburg, mit der Frage einer kommunalen Familienpolitik, der Problematik des Schwangerschaftsabbruchs und mit „Der Frau im Spannungsfeld zwischen Familie und Erwerbstätigkeit“ in sieben Thesen.
 
Im Team des Familienreferats war schnell klar, dass sich die Befindlichkeit der Familien nicht in eine kirchlich-religiöse und eine politisch-gesellschaftliche Ebene trennen ließ. Das gesellschaftlich-politische Agieren im Familienreferat ist nichts anderes und darf nichts anderes sein als die gesellschaftspolitische Dimension der Familienpastoral der Kirche. Folgerichtig ging Hubert als nächstes auf die anderen katholischen Erwachsenenverbände (Kolping, KAB, Frauenverbände, Caritas u.a.m.), den Diözesanrat sowie evangelische und außerkirchliche Verbände wie z.B. eaf, Kinderschutzbund, DFV, AWO, Paritätischer etc. zu.
 
Hubert erweckte den damaligen Familienbund aus dem „Dornröschenschlaf“ – eigentlich gab es den nur noch auf dem Papier – und entwickelte mit verschieden Mitstreiter*innen eine funktionierende Verbandsstruktur mit der Diözesankonferenz (mit allen kath. Erwachsenenverbänden inkl. Diözesanrat – heute Netzwerktreffen) und einem Diözesanvorstand (heute Leitungsteam). In einer dazu erarbeiteten Satzung war als gemeinsames Selbstverständnis festgehalten, dass der Familienbund quasi als „familienpolitischer Arm“ aller Verbände die vielen, ohnehin oft ähnlichen bzw. gleichen familienpolitischen Ansichten bündelt und in die Politik und Öffentlichkeit trägt – natürlich in Abstimmung mit und mitunter auch unabhängig von deren eigenem familienpolitischen Engagement.
 
Als Besonderheit erhielt der Diözesanrat einen „Garantieplatz“ (geborenes Mitglied) im Vorstand und verzichtet seitdem auf die bis dahin übliche Einsetzung eines Ausschusses „Ehe und Familie“. Durch viele Gespräche und Diskussionen war für alle Beteiligten klar, dass im Vorstand auch der jeweilige Diözesanfamilienseelsorger und ein Mitglied aus der Kirchenleitung vertreten sein muss. Eingebunden in deren Wohlwollen für die neu erwachte familienpolitische Arbeit brachte das auch einen gut ausgestatteten Familienbundhaushalt mit sich. All das hat sich in den kommenden Jahrzehnten bewährt.
 
Von Huberts vielen konkreten Arbeiten und Aktionen ist mir eine oft wieder erzählte Anekdote besonders in Erinnerung geblieben: Die Wohnungsnot – gerade auch für größere Familien – war natürlich auch in der Stadt Freiburg gravierend. Hubert kam Anfang der Achtziger auf die für ihn naheliegende Idee, kirchenintern die Wohnraumnutzung der Herrenstraße anzuprangern. Erwartungsgemäß hatte er dabei keinen Erfolg – die Herren der Herrenstraße zierten sich...
 
Hubert hat bald auch einen Infodienst über familienpolitische Themen, Gesetze(svorhaben),
Aussagen von Politiker*innen und Diskussionen mit ihnen sowie praktische Anregen für Familien regelmäßig herausgegeben – schon im Mai 1980 als Beilage zum Verbindungsbrief. Das war die „offizielle Nr. 1“ des heutigen „Forum Familie“ als familienpolitisches Publikationsmedium des Familienbundes.
 
Am 1. April 1984 kehrte Hubert in den Schuldienst zurück, blieb dem Familienbund aber als ehrenamtlicher Diözesanvorsitzender bis 1991 eng verbunden. Von 1984 bis 1986 war er auch gleichzeitig Vizepräsident im Bundesverband (zusammen mit Rita Süssmuth, der späteren Bundesfamilienministerin). Bis zu seinem endgültigen Ausscheiden aus dem Familienbund im Herbst 2006 war er Sachbeauftragter des Bundesverbandes für Familie und Arbeitswelt und damit Vorsitzender des gleichnamigen Ausschusses.
 
Es trifft sich fast symbolhaft gut, dass Hubert in der Nr. 1 von „Forum Familie“ einen Beitrag mit dem Titel „Dem Leben dienen“ abgedruckt hatte. Denn er hatte nicht vor, jegliches Engagement aufzugeben, sondern sich schon im Jahr 2002 entschlossen, „dem Leben zu dienen“, indem er den Regionalverband Freiburg von donum vitae mit initiiert hat und seitdem bis Mai 2014 als dessen ehrenamtlicher Geschäftsführer arbeitete.
 
In den Jahren bis zu seinem Tod erkrankte Hubert leider zunehmend stärker an Demenz und lebte die letzten Jahre nur noch „in seiner Welt“.
 
In den Beispielen in meiner Würdigung von Huberts Wirken habe ich den Schwerpunkt bewusst auf seine hauptamtliche Tätigkeit in den Jahren 1979 bis 1984 gelegt. Ohne sein ehrenamtliches Engagement damit zu schmälern, waren seine Aufbau- und Grundlagenarbeit entscheidend für Arbeit und Arbeitsmöglichkeiten des Freiburger Familienbundes in den folgenden Jahrzehnten.
 
Georg Zimmermann, ehemaliger Geschäftsführer des Familienbundes der Katholiken und Referent für Familienbildung und Familienpolitik in der Erzdiözese Freiburg